Einführung

Der Weihnachtsfestkreis

Die Zeit der Vorbereitung: Advent

A. Sinn und Geist

  1. Das Wort Advent (lateinisch: adventus) bedeutet Ankunft, Erscheinen. Die hl. Kirche bezeichnet mit dem Worte Advent die sichtbare Ankunft Christi auf Erden zum Zweck der Erlösung, insbesondere aber jene Zeit des Kirchenjahres, welche der Vorbereitung auf das Erscheinen Christi auf Erden geweiht ist.

  2. Den Sinn des hl. Advents gibt das Evangelium des ersten Adventsonntags an: „Erhebet eure Häupter, denn es naht eure Erlösung.“ Der Adventsgedanke der Kirche ruht auf dem Glauben an den Sündenfall und an die Erbsünde mit ihren Folgen für das Menschengeschlecht und für jeden einzelnen Menschen, sowie auf dem Glauben an die Berufung der Menschen zu einem übernatürlichen Ziel, zum übernatürlichen, seligen Besitze Gottes, zu dem wir durch den menschgewordenen Sohn Gottes geführt werden.
    Zwar ist der Sohn Gottes vor mehr als zweitausend Jahren auf Erden im Fleische erschienen (erste Ankunft) und hat der ganzen Menschheit, allen Zeiten und Zonen die Erlösung und das übernatürliche Heil gebracht. Gleichwohl ist die von Christus in seinem Erdenleben gewirkte Erlösung noch nicht abgeschlossen, weil jeder Mensch sich diese selbst anzueignen hat. So beginnt die Erlösung für jeden mit der Taufe; sie soll sich in ihm entfalten und beim Eintritt in die ewige Seligkeit vollenden. In ihrer allseitigen Vollendung ist die von Christus gebrachte Erlösung erst dann gegeben, wenn Christus in Macht und Herrlichkeit „wiederkommt“ (zweite Ankunft, Parusie), um seine Braut, die hl. Kirche, die Gesamtheit der Auserwählten, zum Vollgenuß der ewigen Seligkeit heimzuführen.
    Der Hauptgedanke der Liturgie des Advents und der Weihnachtszeit ist die erste Ankunft Christi und die durch sie gewirkte Erlösung. Die Liturgie verbindet aber die erste Ankunft Christi mit der einstigen Wiederkehr des erhöhten, glorreich herrschenden Christus zur Vollendung seines Erlösungswerkes. So sehnen wir uns im Advent nach der Erlösung im vollen Sinne des Wortes, das heißt in ihrem ersten Anfang, in ihrer Entfaltung in der Kirche und in ihrer Vollendung.
    Damit hängt zusammen, daß wir mit der hl. Liturgie im kommenden Erlöser nicht so sehr das hilflose, schwache Kind im armen Stall von Bethlehem erwarten, das Kind unsrer weihnachtlichen Volkslieder und der gewohnten Krippendarstellungen, sondern den in Herrlichkeit und Majestät thronenden Herrn und König, das heißt den Christus der „Wiederkunft“ (vgl. das Evangelium vom ersten Adventsonntag).

  3. Der Geist der hl. Adventszeit offenbart sich zunächst in innigem Sehnen nach der Ankunft Christi, des Erlösers, wie es hervorgeht aus dem lebendigen Gefühl der Erlösungsbedürftigkeit. Dieses Sehnen nach dem Erlöser ist in der Liturgie verkörpert im Propheten Isaias, der der Kirche das „Tauet, Himmel“ in den Mund legt und mehr als siebenhundert Jahre vor Christus die Jungfrau-Mutter und ihr Kind vorausverkündet hat. Der Adventsgeist ist sodann der Geist der Buße, wie er gepredigt und im Leben dargestellt wird durch Johannes den Täufer: „Tuet Buße, das Himmelreich ist nahe.“ Endlich ist der Geist der Adventszeit innigste Geistes- und Seelengemeinschaft mit Maria. Sie ist uns im Advent nicht bloß die Jungfrau, die den Sohn Gottes empfängt (Quatember-Mittwoch) und durch ihn dem Hause der Elisabeth Gnade und Erlösung bringt (Quatember-Freitag); sie ist zugleich ein inhaltvolles Bild der Christus tragenden hl. Kirche und der Seele, die Christus in der hl. Kommunion in sich trägt; sie ist ein leuchtendes Beispiel für unsern Gang Weihnachten entgegen: ein Beispiel der Reinheit, des Lebens mit Gott, in hl. Schweigen und in dienender, selbstloser Nächstenliebe.

  4. Diesem Geist der Sehnsucht und der Buße entspricht es, wenn die Diener der Kirche, ähnlich wie auch in der strengen Bußzeit der Fasten, in dieser Zeit violette Kirchengewänder tragen, wenn das Gloria in excelsis nicht gebetet wird, ebenso nicht an den Wochentagen das Alleluja mit seinem Vers, wenn statt des Ite missa est das Benedicamus Domino gesungen wird, wenn die Orgel schweigt, wenn Subdiakon und Diakon wie in der Fastenzeit im Hochamt nicht die Feiergewänder der Tunicella und Dalmatik, sondern vorn eingeschlagene Kaseln tragen. Mit der jungfräulichen Christusträgerin Maria werden wir in allen Sonntags- und Wochentagsmessen des Advents durch die besonderen Kommemorationen sowie dadurch in Verbindung gebracht, daß wir öfters den Gottesdienst in der bedeutendsten Marienkirche Roms, in Groß St. Marien (Stationskirche), feiern sehen.

  5. Zum Verständnis der liturgischen Meßfeier des Advents und der hl. Weihnachtszeit ist zu beachten, daß Christus mit seiner Erlösungsgnade gerade in der Feier der hl. Messe in seiner Kirche erscheint. Da wird in der hl. Wandlung derjenige wahrhaft unter uns gegenwärtig, der einst sterblichen Leibes im Stalle von Bethlehem erschienen ist und durch sein Leiden und Sterben unsre Erlösung vollzogen hat. In der hl. Messe wird unser Altar ein Bethlehem, die Stätte der Ankunft Christi, von wo Gnade und Gottes Frieden den Menschen zuströmen. Es ist hier auch der gleiche Christus wirklich unter uns zugegen, der glorreich zur Rechten des Vaters sitzt und einst in Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels wiederkommen wird, um die Seinen zur ewigen Enderlösung heimzuholen. So ist auf unsren Altären die Geburt Christi in einem gewissen Sinne erneuert und für uns fruchtbar gemacht, und wird auch der „Tag Christi“ (die zweite Ankunft Christi) begonnen und eingeleitet. Im Empfang der hl. Kommunion wird die Seele Christusträgerin, ein gesegnetes Bethlehem, und erhält zugleich das Unterpfand der seligen Kommunion im Himmel.

B. Aus der Geschichte des Advents

Der Ursprung der Adentsfeier mit ihrem Doppelgedanken an die Ankunft Christi in der Geburt aus Maria und zum Endgerichte reicht in das kirchliche Altertum zurück.

Gerade in den frühesten Zeiten des Christentums war die Erwartung der Endankunft des Herrn überaus lebendig und verbreitet. Das bekunden unter andrem die Briefe des hl. Paulus. Mit Sehnsucht blickte man nach ihr aus und rief: „Komm, Jesus, unser Herr!“ (Geh. Offb. 22, 20).
Es ist darum leicht verständlich, daß im Verlauf der Ausbildung des Kirchenjahres dem Andenken an diese Wahrheit und dieses erst kommende Geheimnis ein besonderer Zeitabschnitt gewidmet wurde. Er war die feierliche, liturgische und regelmäßige Verkündigung und Auswertung des siebten Glaubensartikels: „Von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten“. Nach dieser Seite hin und mit diesen Gedanken an den Abschluß der Weltzeit war der Advent in der alten Zeit passend als Abschluß des Kirchenjahres angesehen und gefeiert.

Für die Feier der ersten Ankunft Christi aus Maria der Jungfrau war das besondere Fest am 25. Dezember bestimmt und schon in den Tagen des hl. Ambrosius († 397) und des hl. Augustinus († 430) weit verbreitet. Etwa 100 Jahre nachher bestand teilweise auch schon eine eigene Vorbereitungszeit auf dieses Hochfest. Wir finden den Advent als Vorbereitung auf Weihnachten am frühesten im römisch-fränkischen Gallien um 500 ausgebildet; seine Anfänge, d. h. zunächst als Vorbereitung auf Epiphanie, reichen hier bis ins 4. Jahrhundert hinauf. Schon zur Zeit des hl. Gregor d. Gr. (590 – 604) war eine solche Adventsfeier auch ein Bestandteil des gottesdienstlichen Jahres der Mutterkirche von Rom.
Die römische Adventsfeier umfaßt vier Wochen bzw. vier Sonntage. In Gallien und Spanien war der Advent ausgedehnter. Die ambrosianische Liturgie von Mailand zählt noch heute sechs Adventsonntage.

Der Advent war mit feierlichem Fasten ausgezeichnet. Es begann in alter Zeit an manchen Orten gleich nach dem Martinusfest (11. Nov.). So kam eine Art vierzigtägiger Fastenzeit vor Weihnachten auf. Als Vorbereitungszeit auf dieses Fest wurde der Advent später wie von selbst Anfang des liturgischen Jahres.